Emotionales Bewusstsein bei Tieren und seine politische Bedeutung
Uriah Kriegel & Philipp von Gall

Dr. Uriah Kriegel ist Professor für Philosophie an der Rice University, Houston, und arbeitet unter anderem zum moralischen Wert des Bewusstseins. Dr. Philipp von Gall ist Agrarpolitologe und berät staatliche und nichtstaatliche Organisationen zu agrar- und tierpolitischen Fragen.
Der folgende Dialog zwischen den beiden steht stellvertretend für den Austausch zwischen Philosophie und Agrarpolitik über den ethischen Umgang mit sogenannten Nutztieren sowie die Rolle des (emotionalen) Bewusstseins von Tieren diesbezüglich. Die Abschrift basiert auf einem Gespräch im Frühjahr 2019 in Hamburg-Othmarschen und wurde von Philipp von Gall aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt.

Teil 1: Der Wert des emotionalen Bewusstseins

PvG: Julius, der Hund, der bei dir lebt, scheint immer an deiner Seite sein zu wollen. Im Sommer ziehst du in die USA. Stell dir vor, du könntest ihn nicht mitnehmen. Würde sich Julius verstoßen fühlen?

UK: Ja, ich vermute, dass er sich verstoßen fühlen würde. Er wurde von seiner Familie verlassen, bevor wir ihn als Baby adoptiert haben, und immer, wenn wir das Haus verließen, wurde er panisch. Zahlreiche Indikatoren sprechen dafür, dass er diesen Stress, verlassen zu werden, bewusst erlebt. Hätte er ‚unbewussten Stress‘, wenn es sowas gäbe, wäre mir das weniger wichtig, weil er darunter nicht leiden würde, er wäre dann lediglich in einem mechanischen und nicht in einem subjektiven Sinn gestresst.

PvG: Es gibt sehr unterschiedliche Vorstellungen davon, was es bedeutet, dass eine Person oder ein Individuum die Welt bewusst erlebt. Mit Blick auf Tiere sind viele skeptisch, aber ich frage mich, welche Alternativen denkbar wären. Wenn Tiere ihre Welt nicht bewusst wahrnehmen, wie dann? Es ist unklar, was es bedeuten könnte, dass Tiere ihre Umwelt ‚unbewusst‘ wahrnehmen.

UK: Ich benutze den Begriff ‚bewusst‘ so: Wenn eine Kreatur nicht bewusst wäre, dann würde sie überhaupt nichts wahrnehmen. Sie wäre einfach wie eine komplizierte Maschine. Eine Espresso-Maschine hat einen Grad an Komplexität, ein Auto ist etwas komplexer, und wenn Julius kein Bewusstsein hätte, wäre er einfach eine noch kompliziertere Maschine – er würde nichts wahrnehmen. Es wäre niemand zuhause, sozusagen, er wäre ein Gegenstand, der sich nach bestimmten Prinzipien bewegt. Es gäbe keine irgendwie geartete Aufmerksamkeit, keine Form des Ich-Gefühls.

PvG: Die Expertinnen der angewandten Tierwohlwissenschaften informieren politische Entscheidungsträgerinnen darüber, wie es den Tieren in der landwirtschaftlichen oder anderen Formen der Tierhaltung ergeht. Im Forschungsdesign dieser naturwissenschaftlich geprägten Disziplin spielen tierliche Emotionen und Bewusstsein aber noch immer eine untergeordnete Rolle. Da wir uns in Fragen des Bewusstseins nie sicher sein können – so der Tenor in einschlägigen methodologischen Abhandlungen –, sollte sich die Forschung auf Dinge konzentrieren, die messbar sind. So entsteht aber ein blinder Fleck auf unserem Bild vom tierlichen Leben. Die Bezweiflung von bewussten Erfahrungen hat in diesem blinden Fleck ein stärkeres epistemisches Gewicht als begründete Annahmen, z. B. jene, dass Julius sich verstoßen fühlt. Es ist immer noch einfacher, Aussagen zu Emotionen bei Tieren als eventuelle ‚Vermenschlichung‘ zu problematisieren, denn eine wissenschaftliche Beweisführung dazu anzutreten. Politische Entscheidungsträgerinnen nutzen das wiederum, um Verantwortung derart von sich zu weisen: Wenn nicht einmal die ‚Sachverständigen‘ wissen, was Tiere emotional empfinden, wie sollen ‚Laien‘ das dann erst beurteilen? Auf diese Weise nimmt der blinde Fleck des Tierbewusstseins direkten Einfluss auf Entscheidungen im rechtlichen Tierschutz, obwohl das von den Wissenschaftlerinnen vielleicht gar nicht gewollt ist.

UK: Das Problem ist, dass sich hier zwei Dinge entgegenstehen: Auf der einen Seite ist Bewusstsein im Wesentlichen ein subjektives Phänomen; auf der anderen Seite geht es der Wissenschaft um Objektivität. Wie kann es also eine objektive Wissenschaft der Subjektivität geben? Auf dieses Problem hat bislang noch niemand eine überzeugende Antwort geliefert. Das führt zu einem Dilemma. Wir können das subjektive Bewusstsein außer Acht lassen und objektive Korrelate des Bewusstseins in den Blick nehmen, etwa Verhaltens- und neuronale Korrelate. Darüber können wir relativ problemlos einen Konsens aufbauen, weil es sich um objektiv überprüfbare Daten und Erhebungen handelt. Aber wir beschäftigen uns dann nicht mehr mit der Grundlage des moralischen Wertes, denn der liegt in der bewussten Subjektivität. Wir können uns auch entscheiden, die Korrelate außen vor zu lassen und unser Augenmerk auf die bewusste Subjektivität zu lenken. Dann riskieren wir, gar keinen Konsens zu erreichen. Alles, worauf wir dann zurückgreifen können, sind Intuitionen darüber, was subjektiv existiert, unabhängig von objektiven Korrelaten.

PvG: Das scheint mir in der Tat ein zentrales theoretisches Dilemma zu sein. In der Praxis können wir aber Wege finden, damit umzugehen. Die Forschung sollte messbare Korrelate des Bewusstseins offenlegen und einen gesellschaftlichen Konsens darüber anstreben. Wenn diese Forschungsergebnisse kommuniziert werden, darf aber das, was Bewusstsein im ethischen Sinn wertvoll macht, nicht gänzlich verloren gehen. Z. B. indem Wissenschaftler*innen deutlich machen, inwiefern die Ergebnisse dazu dienen, sich in die subjektive bewusste Perspektive der Tiere hineinzuversetzen, und warum das wichtig ist; oder warum die mangelnde Beweisfähigkeit eines subjektiven Erlebens nicht verbietet, begründete Annahmen – im Sinne des ethischen Vorsorgeprinzips – zu vertreten.

UK: In der Tat. Wir sollten uns immer daran erinnern, dass die subjektive Wahrnehmung der Tiere der eigentliche Gegenstand der wissenschaftlichen Untersuchung ist und dass die objektiven Korrelate dabei nur als Quellen indirekter Beweisführung eine Rolle spielen und nicht das sind, an dem wir intrinsisch interessiert sind.

PvG: Wie ethisch relevant ist es, ob Julius oder andere nicht-menschliche Lebewesen über Bewusstsein verfügen?

UK: Ich glaube, es ist von zentraler Bedeutung. Es gibt zwei wichtige Ansätze zum moralischen Wert des Bewusstseins in der westlichen Moralphilosophie. Da ist die kantische Idee, nach der dieser moralischer Wert damit einhergeht, jemanden als Zweck-an-sich zu behandeln und nicht als Mittel für die eigenen Zwecke. Julius sollte als bewusstes Wesen als Zweck-an-sich behandelt werden. Dann gibt es den komplett anderen Zugang zum moralischen Wert, nämlich den Utilitarismus, was Bentham das „größte Glück für die größte Anzahl“ nannte. Soviel Glück auch immer du erzeugen kannst in der Welt, das ist es, was du tun solltest. Kümmere dich nicht um Zweck und Mittel. Nur bewusstseinsfähige Wesen können glücklich oder unglücklich sein. Ob du also den kantischen oder den utilitaristischen Weg gehst, beide implizieren, dass Bewusstsein von zentraler Bedeutung für jedwede Form des moralischen Wertes ist.

PvG: Das macht Sinn. Aber wie erklärst du dir, dass verschiedenen Arten des Bewusstseins eine unterschiedliche moralische Bedeutung zukommt? Unsere moralischen Reaktionen unterscheiden zwischen dem Bewusstsein einer Schnecke und dem Bewusstsein eines Hundes.

UK: Ja das stimmt. Nehmen wir an, wir hätten eine Liste mit den grundlegenden Formen des Bewusstseins eines erwachsenen Menschen. Sagen wir, es gibt Gedanken, es gibt Wahrnehmung, Genuss und Schmerz (pleasure and pain), Emotion, Vorstellung, Handlungsfähigkeit (agency) und Wünsche. Jetzt stellen sich zwei Fragen: Erstens, welche dieser Formen des Bewusstseins existieren bei bestimmten Tieren? Und zweitens, welche dieser Formen sind relevant für die moralische Bedeutung des Lebewesens? Und dann müssten wir schauen, wo diese beiden Gruppen sich decken. Also zunächst: Was besitzt die Schnecke? Nehmen wir an, Genuss und Schmerzen seien die einzigen Formen des Schneckenbewusstseins. Viele werden sagen, Schmerzen sind moralisch bedeutsam. Dann wären wir verpflichtet, uns zu bemühen, der Schnecke keine Schmerzen zuzufügen.

PvG: Nicht nur verschiedene Formen des Bewusstseins können moralisch relevant sein, sondern auch verschiedene Intensitäten. Vielleicht spürt die Schnecke einen bestimmten Verlust, wenn sie in eine andere Umwelt gesetzt und von ihren Gefährten getrennt wird, sie teilt mit uns das Gefühl des Verlusts. Aber es scheint mir nicht die gleiche Intensität und Komplexität desjenigen Verlustgefühls zu sein, das wir […]

Zum Weiterlesen: https://neofelis-verlag.de/verlagsprogramm/zeitschriften/tierstudien/997/tiere-und-emotionen?c=339

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