Interview Schweizer Bauernzeitung

«Wir brauchen Tiere nicht unbedingt»

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INTERVIEW MIT DER SCHWEIZER BAUERNZEITUNG, AUSGABE VOM 31. JANUAR 2020, S. 24

Ethik / Philipp von Gall sagt, dass sich die Wahrnehmung der Tierhaltung stärker gewandelt hat, als erwartet. Dadurch entstehen neue Fragen

HAMBURG (D) Sobald über Sinn und Unsinn der Tierhaltung diskutiert wird, stellt sich die Frage: braucht die Landwirtschaft Ethik? Braucht sie eine Diskussion darüber, was gut und schlecht ist? Ein Gespräch mit dem Hamburger Agrarökonom, Ethiker und Politikberater Philipp von Gall soll Aufschluss darüber bringen, was Ethik der Landwirtschaft bringen kann: womöglich die Gründung einer Behörde für Tierethik oder staatliche Repräsentanten der Tiere, sicher aber eine neue Betrachtungsweise der Tierhaltung.

Schweizer Bauernzeitung: Herr von Gall, Landwirte wollen sich nicht mit ethisch-moralischen Diskussionen aufhalten, sondern Nahrungsmittel herstellen. Lohnt es sich da, über richtiges und falsches Handeln nachzudenken?

Philipp von Gall: Tierethik übt oftmals Kritik am Umgang mit Tieren in der Landwirtschaft. Finanziell lohnt sich das für Landwirte also gar nicht, im Gegenteil. Tierethik ist für sie ein wirtschaftliches Problem, das sie am liebsten ausblenden möchten. Trotzdem findet Ethik in den Agrarwissenschaften immer mehr Beachtung. Die früher als radikal empfundenen Ansichten werden weiterentwickelt und man kommt zusehends zur Einsicht, dass ohnehin jeder nach einem ethischen Ansatz verfährt, auch die Landwirte und Praktiker. Landwirte machen ihre Sicht nur selten explizit – sie meinen, die Dinge wären klar, weil sie schon immer so waren.

Die Diskussion um Ethik in der Landwirtschaft geht heute deutlich weiter als vor fünf oder zehn Jahren.

Ja, es gibt eine unglaubliche Dynamik. Ich bin in einem Forschungsprojekt involviert, das die Einstellung der Bevölkerung zur Landwirtschaft und Tierhaltung untersucht. Umfrageergebnisse deuten darauf hin, dass die Menschen viel kritischer sind, als man bisher dachte.

Inwiefern?

Es wird gesehen, dass die Landwirtschaft und die Konsumenten heute viel mehr Wahlmöglichkeiten haben. Das Vertrauen in die Landwirtschaft beziehungsweise in deren Vertreter hat gelitten.*

Wer ist dabei besonders kritisch?

Man sollte wohl zwischen Stadt- und Landbevölkerung unterscheiden.

Die Stadtbevölkerung ist kritischer?

Im urbanen Milieu geht die Kritik oft mit einer Besorgnis um die Gesundheit und Umwelt oder einem neuen Tierbild zusammen. Auf dem Land treibt die Menschen eher der Erhalt familienbetrieblicher Strukturen. Insgesamt wird die konventionelle Landwirtschaft als konservativ empfunden. Parteipolitisch ist die Sache klar: Konventionell wirtschaftende Landwirte in Deutschland machen mehrheitlich keinen Hehl daraus, dass sie der CDU nahestehen. Sie meinen, diese vertrete ihre wirtschaftlichen Interessen. Für die gesamtgesellschaftliche Debatte wird es aber schwierig, weil sich Bauern dadurch von konservativer Politik abhängig gemacht haben.

Woher kommt es, dass die Landwirtschaft und die Landwirte zur Projektionsfläche für Parteiprogramme werden?

Ich glaube, in dörflichen Gemeinschaften verfügen Landwirte nach wie vor über viel Einfluss. Ausserdem gibt es auch noch viele familiäre Verbindungen zu Landwirten. Es war zumindest lange so, dass jeder einen Landwirt in der näheren Verwandtschaft und damit einen engeren Bezug hatte und die Höfe einen Bezugspunkt für die ganze Familie darstellten. Diese Beziehungen lösen sich zusehends auf und verändern die Wahrnehmung der Landwirtschaft. Ist das der Grund, warum der Wandel unterschätzt wurde? In Deutschland und vielen anderen europäischen Ländern haben die landwirtschaftlichen Interessenverbände erreicht, dass sie den Erhalt der Subventionen für die billige Weltmarktproduktion lange kaum rechtfertigen mussten. «Wir machen euch satt», das sollte reichen, ausserdem werde das Landschaftsbild erhalten und dem «Höfesterben» entgegengewirkt. Der Slogan war ganz einfach: «Landwirtschaft dient allen», Tierhaltung inbegriffen. Die Politik hat mitgemacht und nicht weiter nachgehakt. Jetzt tut sich die Landwirtschaft schwer damit, den gesellschaftlichen Ansprüchen hinterherzukommen.

Welche Rolle wird in Zukunft die Frage spielen, ob die Nutzung von Tieren überhaupt moralisch richtig ist?

Das ist eine gute Frage. Zunächst sollten wir unterscheiden zwischen Ethik und Moral.

Wie Sie wollen: was ist Ethik, was Moral?

Moral bezeichnet die unhinterfragten Normen, nach denen in einem bestimmten Land oder einem bestimmten Kulturkreis gehandelt wird. Ethik soll in Zeiten des Wandels und der Verunsicherung Orientierung stiften. In dieser Hinsicht verwende ich das Wort Ethik, denn jeder, der verunsichert Antworten auf Probleme sucht, folgt einer Ethik.

Eröffnen neue technologische Entwicklungen deshalb neue ethische Fragen?

Ja. Hinzu kommen die Möglichkeiten, die wir haben, um zum Beispiel die Bedürfnisse von Tieren besser zu erkennen und uns danach zu richten. Allerdings glaube ich, dass es den Landwirten immer wichtig war, wie ihre Tiere gehalten werden. Sie haben sich Fragen zur richtigen Haltung gestellt. Nur gab es kaum Möglichkeiten, sich anzupassen.

Warum nicht?

In Bezug auf Stallbauten wurde aufgestellt, was man kannte. Sonst glaubte man, dass es den Tieren auf der Weide gut ging. Ich sehe den radikalen Wandel aber darin, welche neuen Möglichkeiten wir heute haben, um auf Alternativen zu tierischen Produkten umzusteigen. Ich glaube, das war früher nicht so. Meine Grossmutter hat mir noch gesagt, dass ich krank werde, wenn ich vegetarisch lebe. Im 19. Jahrhundert gab es noch gar nicht die Möglichkeit, an gewisse Produkte heranzukommen und es gab keine medizinische Begleitung der veganen Lebensweise.

Es ging damals ums Überleben und eine ausreichende Kalorienversorgung.

Genau. Auf den Wandel der Konsumgewohnheiten sind wir ethisch nicht vorbereitet. Man hat aber ein gewisses Recht auf Verdrängung, wenn man sich in einer Situation befindet, die man nicht ändern kann.

Moment – das ging zu schnell: Es war ethisch in Ordnung, die Situation der Tiere so hinzunehmen, wie sie war?

Wenigstens psychologisch ist das nachvollziehbar: wenn man tierische Kalorien zum Überleben braucht und es keine andere Möglichkeit gibt, diese Kalorien zu produzieren, dann würde wohl jeder das Leid der Tiere verdrängen.

Das ist heute grundlegend anders.

Ja. Wenn man noch miteinbezieht, was theoretisch zur Verfügung steht und die medizinischen Gutachten beachtet, ist das eine ganz neue Entwicklung. In den letzten fünf bis zehn Jahren haben grössere Teile der Gesellschaft verstanden, dass man Tiere nicht unbedingt für die Ernährung braucht. Nur sind viele Konsumenten noch nicht bereit, sich auf die pflanzliche Ernährung einzulassen.

Eine Wahl bleibt aber nicht, oder?

Nein. Auf diese Veränderung der Möglichkeiten muss man sich ethisch einlassen; das ist der revolutionäre Punkt. Ich glaube nicht, dass Menschen allein durch ethische Überlegungen eine neue Sicht auf Tiere gewonnen haben. Dass sich die Ethik zunehmend bemüht, den Umgang mit Tieren ernst zu nehmen, scheint mir eher eine Folge der wachsenden Möglichkeiten zu sein, nicht umgekehrt.

Bleibt die Nutzung von Wiederkäuern für die Bewirtschaftung von Wiesen und Weiden ethisch richtig?

Nein, denn Ethik bezieht ja zwangsläufig den gesellschaftlichen und historischen Kontext mit ein. Eine Ethik, die heute zum Schluss kommt, dass Tiere für unser Essen nicht leiden und sterben sollten, halte ich für zeitgemäss. Ethisch problematisch ist die Tierhaltung auch, wenn man voraussetzt, dass die Weiden und Futterflächen als CO2-Senken besser bewaldet werden sollten.

Gibt es aus Ihrer Sicht denn ethisch vertretbare Haltungsformen?

Ganz generell sind Haltungsformen legitim, wenn sie die Idee der Kooperation widerspiegeln. Dabei muss klar sein, was von den Tieren abverlangt wird, und was dabei für sie rausspringt – und zwar im Vergleich zur Situation einer Nicht-Nutzung. Die Idee ist eine Kooperation zwischen Menschen und Tieren.

Würden damit Tiere dieselben Rechte wie Menschen erhalten?

Nein, das nicht. Aber es würde dafür gesorgt werden, dass Tiere ihre politischen Interessen durch Vertreter wahrnehmen könnten. Die Frage ist dann, welchen Bedingungen Tiere zustimmen könnten, wenn sie die Wahl hätten. Damit einher ginge der Anspruch, dass Tiere für ihre Leistungen und Einschränkungen, die durch die Haltung entstehen, entschädigt werden müssen.

Man müsste klären, unter welchen Bedingungen die Anliegen der Tiere angemessen vertreten werden, und wann die politische Repräsentation schiefläuft. Bis jetzt sind es ja vor allem private Organisationen und Initiativen, die sich darum kümmern. Es bräuchte vermutlich eine staatliche Institution, so etwas wie ein Bundesamt oder eine Bundesanstalt.

Eine Bundesvertretung für Tieranliegen – irgendwie tönt das absurd, nicht?

Ja, zunächst schon! Allerdings werden die Anliegen der Tiere praktisch heute schon berücksichtigt, obwohl nie geregelt wurde, wer diese Anliegen definiert.

Die Tierrechtsorganisationen vertreten per Statuen die Interessen der Tiere.

Ja, zwangsläufig, weil es sonst niemand macht, aber ich finde das nicht gut gelöst.

Aus welchen Gründen?

Es bräuchte Kriterien, die gesellschaftlich anerkannt sind. Heute arbeiten die staatlichen Organisationen mit Tierschutz-Vereinen und Organisationen zusammen, die sie für fähig halten. Aber geregelt, auf welcher Grundlage sie diese Auswahl treffen, ist das nicht. Ausserdem kann doch die politische Repräsentation der Tiere nicht nur spendenfinanziert sein. Ich halte das für eine staatliche Aufgabe.

Zur Person
Philipp von Gall bestellt seinen Filterkaffee zum Interview schwarz und ohne Zucker, er lebt nahezu vegan. Ein Problem mit der pflanzlichen Ernährung sieht er nur im Sozialen. Er findet es unhöflich, Gastgebern vorzugeben, wie sie für ihn kochen sollten. Der Ethiker und Politikberater lebt und arbeitet in Hamburg (D).

Das Interview führte Hansjürg Jäger